Muss deutschen Unternehmen auf breiter Front immer noch die Relevanz von Social Media vermittelt werden? Mittlerweile langweilen mich Aussagen wie:„Deutsche Unternehmen haben noch nicht verstanden, was Social Media eigentlich bedeutet“ oder „Deutsche Unternehmen verschließen sich dem Thema Social Media“. Ich kann sicher nicht abstreiten, dass ich in der Vergangenheit ins gleiche Horn gestoßen haben mag – aber man lernt bekanntlich nie aus. Mittlerweile kann ich die Blog Postings zum fehlenden Verständnis deutscher Unternehmen nicht mehr nachvollziehen, denn die Aussagen gehen völlig an meinen Erfahrungen vorbei.
Wenn ich im vergangenen Jahr eine Entwicklung mitverfolgen konnte, dann die, dass gerade große deutsche Unternehmen besonders aus dem Corporate Bereich in der Thematik Social Media viel weiter sind, als dies von außen oft wahrgenommen wird.
Es gibt weiterhin ein paar unerschrockene Experten, die gerne behaupten, dass deutsche Unternehmen in Sachen Kommunikation immer noch im Mittelalter leben. Denn Unternehmen wollen einfach nicht twittern und bedienen lediglich die Pressebereiche auf hauseigenen Corporate Websites, anstatt durch einen Social Media Newsroom den Anschluss an die moderne Welt zu gewährleisten. Es werden immer wieder US Best Practices als Benchmarks angeführt. Doch all die Diskussionen, Forderungen und Benchmarks gehen oft an der deutschen Unternehmensrealität vorbei.
Die Strukturen in deutschen Großunternehmen sind eben andere als wie zum Beispiel bei Best Buy & Co. Einer der wohl schwerwiegendsten Unterschiede ist der, dass es in den USA keinen Betriebsrat gibt. Für mich stellt der Betriebsrat in Hinblick auf den Einsatz von Social Media im Unternehmen eine der größten Herausforderungen dar. Ohne die Zustimmung des Betriebsrates sind zum Beispiel Guidelines bzw. Governance als Grundlage jeglicher Social Media Initiativen nicht zu verwirklichen. Kommunikationsentscheider, die von der deutschen Berateröffentlichkeit oft als Bremser identifiziert werden, haben meiner Erfahrung nach die Relevanz von Social Media oft schon verstanden.
Wenn sich Unternehmen mit dieser Thematik auseinandersetzen, ist es eher selten, dass sie irgendwelche bunten Social Media Kanäle bemühen, nur um diese dann in welcher Art und Weise auch immer an ihre restlichen Kommunikationsbemühungen anzuflanschen. Im Mittelpunkt stehen eher Kommunikationsprozesse und -strukturen, die durch ihre Integration zielsicher den richtigen Kanal für die richtige Zielgruppe einsetzen.
Es geht darum, alle Stakeholder in einem Unternehmen (vom Kommunikationsverantwortlichen bis hin zum Betriebsrat) in den Prozess einzubeziehen. Es geht dabei um Ausbildung, Guidelines, Verantwortlichkeiten und Change Prozesse. Eine Facebook- bzw, Twitterstrategie ist das kleinste Problem. Denn der Kanal und die Öffnung hin zum Dialog ist der finale Schritt in einer nachhaltigen Social Media Initiative – und sicherlich nicht der erste.
Ich vermisse in der Diskussion um Social Media in Deutschland genau diese Themen. Da wird oft der zweite vor dem ersten Schritt diskutiert. Bestimmt ist es einfach, über glitzernde Plattformstrategien zu philosophieren. Aber die viel wichtigere Maßnahme hin zur internen Implementierung von Social Media wird oft genug ausgeklammert.
Ich werde mich daher in Zukunft weniger darüber unterhalten, was Unternehmen in diesem Bereich falsch machen. Denn vielleicht basteln Unternehmen gerade fleißig an Strukturen, die einen nachhaltigen Dialog gewährleisten und sich an der Zielgruppe orientieren – und nicht am Kanalhype.
Kommentare
05.Mai.10, 11:10 | erstellt von Mirko Lange
Schön! :-)
05.Mai.10, 11:18 | erstellt von _jrg
word! danke!
05.Mai.10, 11:22 | erstellt von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach
Volle Zustimmung mit einer (kleinen) Anmerkung: Dies ist eine der Linien, an denen sich auch unter Beratern die Spreu vom Weizen trennt. Denn es sind die gleichen, die die Revolution ausrufen, die nicht sehen, wo die Wirklichkeit inzwischen angekommen ist (äh, oder so).
Nicht umsonst machen diejenigen, die in der Social Media-Diskussion die größte Klappe haben, die wenigsten Projekte – und andersrum.
Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Die allermeisten Beispiele, wie Unternehmen und Marken Social Media als Arena nutzen, SEHEN wir nicht – denn “wir” sind nicht die Zielgruppe der Kommunikation (übrigens gibt es ja auch die Kasper, die vom Ende der Zielgruppen faseln, das nur mal am Rand). Ein gutes Spielen in der Social Media Arena ist oft so präzise, dass es von den anderen, den Megaphon-Elementen, in der öffentlichen Wahrnehmung überlagert wird.
Und dann gibt es auch noch die erkleckliche Anzahl von Kommunikationsentscheidungen gegen diese Arena – auch die ist ja nicht immer unüberlegt, sondern oft bewusst und richtig :)
05.Mai.10, 11:24 | erstellt von David Philippe
Sehr schöner Beitrag, dem ich mich nur anschließen kann!
05.Mai.10, 11:40 | erstellt von Mark Heising
Bin ganz bei Dir, David. Im Gegensatz zur Wahrnehmung vieler Social Media Experten, die in verkaufbaren Tools und Kanälen denken, ist die entscheidende Frage bei den Unternehmen die nach Strukturen und Prozessen. Nach den Verantwortlichkeiten. Die Frage wer z.B. für eine Facebook-Seite zuständig ist, ist in vielen Unternehmen eben noch nicht geklärt. Online, Marketing, PR? Also gibt man erstmal an eine wie auch immer geartete Agentur ab (Online, Klassik, PR?), um den Hype nicht zu verpassen. Nicht immer ideal wenn dann statt Gesprächen nur monologische Werbeposts kommen.
Betrachtet man Social Media als im wahrsten Sinne “integrierte Kommunikation”, dann greift einmal mehr ein Spruch, den ich schon vor 10 Jahren von einem Kollegen in der Agentur gehört habe: “Integration fängt beim Kunden an”. Der Hype um Social Media beschleunigt letztlich das bereichsübergreifende Kommunikation in Unternehmen stattfindet. Denn zum Beispiel ein YouTube Video mit kritischem Inhalt führt eben dazu, dass nicht nur die PR-Abteilung gefragt ist (so wie das früher bei kritischen Artikeln im Spiegel war) sondern das Unternehmen als kommunikatives Wesen (voller Mitarbeiter die ihre Meinung plötzlich ganz einfach publik machen können und auf solch ein Video reagieren könnten, dem Betriebsrat der die rechtlichen Konsequenzen geklärt haben will sollte jemand kommentieren, der Rechtsabteilung, und und und).
Guidelines und Prozesse dafür müssen – genau wie du es beschrieben hast – meistens erst geschaffen werden. Dafür müssen viele Beteiligte an einen Tisch, sehr oft hintereinander mit sehr vielen Themen. Hier findet die wirkliche Beratungsarbeit statt. Alles andere ist handwerklich gut oder weniger gut gemachte Umsetzung.
05.Mai.10, 12:26 | erstellt von Thomas Münter
Gute Einschätzung. Ich fühle uns (aus Unternehmenssicht) verstanden.
05.Mai.10, 13:41 | erstellt von Dr. Margit Appleton
Sehr interessant! Ich wusste das mit dem Betriebsrat zum Beispiel gar nicht. Da sieht man, dass Kommunikation, zunal die Social Media Kommunikation eben nicht nur etwas ist, was man auf einer Messe mal schnell als das neue Glitzer-Ding anpreist, sondern ein komplexes Marketing-Tool, das eben auch seine Eigengesetzlichkeiten hat. Ein wichtiger Beitrag, danke!
05.Mai.10, 15:02 | erstellt von Monika E. König
“Da wird oft der zweite vor dem ersten Schritt diskutiert.” … Warum nicht einmal den zweiten Schritt vor dem ersten MACHEN? … Das könnte m. E. fragliche Diskussionen/ bereichsübergreifende Kommunikation erst einmal in Gang setzen, den Beteiligten “einheizen”…
… und somit auf einen heißen Sommer hoffen lassen ;)
05.Mai.10, 15:26 | erstellt von David Nelles
Danke für Deinen Kommentar Monika. Ich glaube aber, daß Dein Vorschlag nicht der “richtige” Weg als Unternehmen ist. Ohne im Vorfeld eine gemeinsame Entscheidung aller Betreffenden getroffen zu haben und ohne ein gemeinsames bereichübergreifendes Verständnis über das Vorgehen in Social Media entwickelt zu haben, wird eine solche Strategien nur dazu führen, das der Stecker gezogen wird. Und dann würde nie die Sonne scheinen.
05.Mai.10, 16:18 | erstellt von Matthes
Ich kann Ihre Sicht nur bestätigen: Es ist nicht fehlende Einsicht.
Manchmal ist es einfach nur, dass ein Geschäftsmodell nicht die des Flugplans der Lufthansa enthält. Für die Kunden der Lufthansa war es während der letzen Wochen immer wieder ein relevanter Nutzen, “in Echtzeit” über gecancelte Flüge oder Flugverschiebungen informieren zu können. Vereinzelt sehe ich bei anderen Unternehmen statt Nutzen eher Transparenz-Simulation. Und bei wieder anderen Unternehmen ist es tatsächlich so, dass die Kunden einfach wirklich noch nicht bei manchen Medienformen angekommen sind. Hier ist (momentan!) unter Kosten-/Nutzengesichtspunkten die Bereitstellung einer anständigen App oft wirksamer als die Beteiligung an communitiven Kommunikationsplattformen.
05.Mai.10, 16:19 | erstellt von Mario Grobholz, myON-ID Media GmbH
Hallo David, ich kann Deinen Ausführungen nur zustimmen und teile Deiner Meinung. Unsere Erfahrungen decken sich hier. Unternehmen sind durchaus aufgeschlossen und in vielen Fällen sogar schon mittendrin Social Media als Instrument zu verstehen und umzusetzen.
05.Mai.10, 19:58 | erstellt von Philipp
Daumen Hoch!
07.Mai.10, 16:03 | erstellt von Ute Holtmann
Ich kann zwar nicht für die gesamte Wirtschaft sprechen, aber einen wichtigen Teil, nämlich den Handel, schauen wir uns beim EHI Retail Institute genau an. U. a. versuchen wir innerhalb unseres Forschungsprojektes “Public Relations im Handel” heraus zu finden, wie der Handel in Sachen Social Media aufgestellt ist und welche Bedeutung er diesen Medien jetzt und in Zukunft einräumt. Aus unserer Befragung wir sehr deutlich, dass der Handel sich noch recht unentschlossen in den digitalen Welten bewegt. Manche fürchten den Kontrollverlust, andere nutzen das Potential, das vom User Generated Content ausgeht. Immerhin ist doch einer großen Gruppe bewusst, dass Social Media zumindest zukünftig eine große Bedeutung im Kommunikationsmix darstellen wird.
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