Ein Leser machte mich auf einen potentiellen Widerspruch zwischen einem Blogbeitrag von Sonja und meinem letzten Post aufmerksam. Wenn ich es richtig gedeutet habe, ging es um den folgenden Sachverhalt: Auf der einen Seite der Standpunkt, Mitarbeiter anhand von Guidelines und Governance für Social Media zu befähigen – was eine starke Dezentralisierung mit sich bringt – versus der Vorgehensweise, Corporate Social Media einen strukturellen Rahmen vorzugeben, um ein Minimum an Kontrolle in der externen Kommunikation zu gewährleisten.

Wenn dies ein wirklicher Widerspruch ist, spiegelt das eigentlich ganz gut meine Einschätzung der momentanen Situation im Bezug auf die grundsätzliche Verfahrensweise mit Social Media in deutschen Unternehmen wider. Viele Firmen bewegen sich irgendwo zwischen dem Öffnen der Kommunikation und der Erhaltung eines Mindestmaßes an Kontrolle. Dabei befinden sie sich zwischen zwei Extremen: Zum einen die von so manchen Social Media Lautsprechern beschworene unabwendbare 100 % Öffnung der Kommunikation und zum anderen das Beharren auf alte Kommunikationsstrukturen. Diese stammen aus Zeiten, als Unternehmen in der Öffentlichkeit noch als kommunikative Monolithen wahrgenommen wurden.Genau zwischen diesen Extremen entstehen derzeit die betreffenden Corporate Strategien für Social Media. Der Weg über eines dieser beiden Extreme wird in den meisten Fällen weder für die Zielgruppe noch das jeweilige Unternehmen hilfreich sein.

Die totale Kontrolle der externen Kommunikation ist schlicht nicht möglich. Social Media gehören zum täglichen (Web)Leben der Mitarbeiter deutscher Unternehmen einfach dazu. So nutzen mittlerweile 30 % aller deutschen Internetnutzer Facebook – nur eine Social Media Plattform von vielen, welche Berufliches und Privates vermischt und damit ein nutzergeneriertes Unternehmensbild in die allgemeine Öffentlichkeit projiziert. Daher hat, wie schon oft postuliert, die one voice policy in ihrer Strenge ausgedient.

Aber nur weil eine 100 % Kontrolle nicht möglich ist daraus dann den Umkehrschluss zuzulassen, im Bezug auf eine geordnete Unternehmenskommunikation alle Hemmungen fallen zu lassen, ist auch keine Lösung. So gibt es in Deutschland schon eine ganze Reihe von institutionellen Strukturen, die einfach nicht wegzudiskutieren sind, wie Betriebsvereinbarungen oder Datenschutzbestimmen. Diese machen eine schonungslose Variante von Social Media unmöglich.

Eines ist klar: Es gibt keinen Königsweg für Corporate Social Media, sondern nur individuelle Entscheidungen bzw. Vorgehensweisen. Beeinflusst werden diese Entscheidungen durch den Markt auf dem das jeweilige Unternehmen positioniert ist, wie das Unternehmen organisiert ist und welche Zielgruppe es ansprechen möchte.

Umso mehr muss ich mich über manchen Kommentar aus der deutschen Beraterszene wundern, welche des Öfteren den Social Media Stab über verschiedenste Unternehmen und ihre Initiativen brechen und damit gerne zum Dieter Bohlen der Webs mutieren. Es gibt eben per se keinen falschen Weg im Bereich Corporate Social Media, sondern nur sehr individuelle Entscheidungen in einem nachhaltigen Lernprozess.

Es sind Entscheidungen, die irgendwo zwischen Kontrolle und Anarchie liegen und vielleicht aus externer Perspektive als Paradoxon wahrgenommen werden können, wenn es einen Corprorate Blog oder eine offizielle Facebook Page im Netz zu finden sind, aber von konservativen internen Kommuniktionsregularien nicht losgelassen wird– doch für das eine betreffende Unternehmen ist es eben der richtige Einsatz von Corporate Social Media.

Share this