Anfang dieses Jahres ging mit Flattr das erste soziale Mikrobezahlsystem an den Start. Ein innovatives Konzept von Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde. Per Klick bringen die User nicht nur ihre Anerkennung für einen Inhalt im Web zum Ausdruck, sondern spenden dem Produzenten etwas Geld. Doch werden sich solche sozialen Bezahlsysteme langfristig durchsetzen? Über das Potenzial dieses Konzepts, den Dornröschenschlaf von Verlagen und die Auffindbarkeit interessanter Inhalte in den Weiten des Internets.
“Flattr was founded to help people share money, not only content”, heißt es auf der
Flattr-Website. Bisher war es relativ aufwendig, anderen Nutzern im Internet Geld zu spenden. Insbesondere bei kleinen Beträgen ist der Aufwand oftmals unverhältnismäßig hoch. Um diese Hürde zu senken, zahlen die Nutzer von Flattr eine monatliche (selbst gewählte) Summe, die sie unter beliebig vielen Content-Producern (die bei Flattr mitmachen) per Klick aufteilen können. Ein anderes freiwilliges Bezahlsystem ist Kachingle.
Funktioniert Flattr?
Die derzeitigen Flattr-Top 3, jene Social Media, die bisher am meisten “flattr-love” (O-Ton Sunde) erhalten haben, sind Chaosradio Express, netzpolitik.org und Not Safe for Work. Netzpolitik.org hat im Juli mit Flattr 642,78 Euro verdient und konnte die Einnahmen im Vergleich zum Vorjahresmonat leicht steigern. Es gibt sie also die Nutzer, die freiwillig für Inhalte bezahlen – und das obwohl Flattr noch relativ jung und vor allem den Webpionieren bekannt ist. Oder gerade deswegen. Die Bereitschaft für Beiträge anderer Nutzer Geld zu bezahlen ist sicherlich bei sehr aktiven Nutzern in Social Media besonders hoch. Ob Flattr von einer breiten Masse genutzt werden wird, bleibt abzuwarten. Der Like-Button gehört jedenfalls mittlerweile zum Standardrepertoire der meisten Facebook-Nutzer.
Der Dornröschenschlaf der Verlagsriesen
Gegenüber Zeit online meint Jörg Reschke, Mitgründer von Ikosom, dass die Reaktionen der Verlage und deren Beteiligung für das Funktionieren der sozialen Mikrobezahlsysteme erfolgskritisch seien. Eigentlich erstaunlich, dass die Verlagsriesen noch immer nicht aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht sind und sich in puncto Flattr & Co bisher zurückhaltend zeigen. Auf simple Art und Weise könnten neue Bezahl- bzw. Bewertungsmodelle erprobt werden. Sind den Verlagshäusern soziale Bezahlsysteme zu wenig lukrativ? Fürchten sie die (Miss-)Gunst der Nutzer? Warum nicht einfach mal ausprobieren? Mit der Strategie, erst einmal abzuwarten und Tee zu trinken, verschenken Verlage jedenfalls wertvolle Zeit und potenzielle Flattr-Klicks. Was können die Verlage denn verlieren, wenn sie Flattr für ihre ohnehin kostenlosen Angebote benutzen?
Im Rahmen der Isarrunde haben Michael Praetorius, Benedikt Köhler und Anatol Locker über das Potenzial von Flattr, Paypal und anderen Mikrobezahlsystemen für redaktionelle Inhalte diskutiert:
Die Nutzer zahlen für das, was sie interessiert
Die taz macht mit bei Flattr und hat es im Juni auf 988,50 Euro gebracht. Am stärksten würden nicht die aufwändigsten oder informativsten Artikel gewählt, sondern die Texte, in denen “es gegen die Lieblingsfeinde” der Leser geht, meint taz-Mitarbeiter Sebastian Heiser im Blog. Emotionalität und Meinungsmacher als Kassenschlager. So mancher fürchtet, ein Erfolgszug von sozialen Mikrobezahlsystemen könne zu einer Verflachung und Gleichschaltung der Inhalte führen. Aber ist das wirklich ein Problem, wenn Medien über das schreiben, was ihre Nutzer interessiert? Private Medien arbeiten nun mal gewinnorientiert. Sie orientieren sich an den Interessen und Bedürfnisse ihrer Leser.
Bei sozialen Bezahlsystemen geht es um mehr als Geld
Freiwillige Bezahlsysteme sind jedoch nicht nur für Verlage interessant, sondern auch auf andere Bereiche übertragbar. Letztendlich geht es ja dabei nicht nur um Gewinnemacherei, sondern dass die Nutzer zeigen können, welche Angebote und Inhalte sie gut finden. Natürlich kann jetzt mit der Integration von Like-Buttons à la Facebook argumentiert werden. Der Vorteil sozialer Bezahlsysteme ist jedoch, dass hier ein Geldbetrag dahinter steht (wenn auch oft nur ein symbolischer). Ein Like-Button wird womöglich stärker inflationär genutzt. Soziale Bezahlsysteme könnten in Communities verwendet werden, um die Qualität von Beiträgen zu beurteilen. Bewertungsmechanismen, wie die Vergabe einer bestimmten Anzahl von Sternen, sind fest integrierter Bestandteil vieler Plattformen. Doch sie sind anfällig für Manipulation und Willkürlichkeit. Natürlich beseitigen soziale Bezahlsysteme solche Probleme nicht, aber ich denke, dass mit ihrer Nutzung womöglich mehr “Ernsthaftigkeit” einhergeht.
Nehmen wir das Beispiel Wikipedia. Die Online-Enzyklopädie wird wegen der stark unterschiedlichen Qualität der Beiträge kritisiert. Die Verwendung von einem sozialen Bezahlsystem könnte den Nutzern dabei helfen, die Qualität von Artikeln besser einzuschätzen, indem gute Beiträge honoriert werden. Doch haben die Nutzer genug Expertise, um die Qualität und Korrektheit von Informationen zu beurteilen?
Die Verschmelzung sozialer Netzwerke und freiwilliger Bezahlsysteme
Interessant wird es, wenn man soziale Netzwerke und freiwillige Bezahlsysteme verknüpft. Für welche Inhalte sind die Personen in meinem Netzwerk bereit zu bezahlen? Über die allgemeine Meinung anderer Nutzer hinaus, ist es doch für mich besonders interessant zu erfahren, welche Wikipedia-Artikel bzw. Inhalte generell meine Kontakte gut finden. Schließlich vertraue ich ihnen und kenne ihre Expertise. Denkbar wären auch personalisierte Empfehlungen. Wenn ich beispielsweise einen Inhalt per Klick honoriere, wird mir angezeigt, welche Beiträge die User noch gut fanden, die für den gleichen Inhalt wie ich, bereit waren zu zahlen.
In der enormen Flut an Informationen im Internet wird es zu einer wachsenden Herausforderung, individuell und persönlich relevante Inhalte aufzuspüren. Hier bieten soziale Mikrobezahlsysteme Potenzial – insbesondere in Verbindung mit sozialen Netzwerken. Ich bin gespannt, ob sich Flattr & Co zu einer sozialen Norm entwickeln werden.
Kommentare
03.August.10, 10:08 | erstellt von Tweets that mention Sind soziale Mikrobezahlsysteme die Like-Buttons der Zukunft? | Markt | about.virtual-identity.com — Topsy.com
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