Es gibt Forderungen an Berater aus dem Bereich der Corporate Social Media, die bei mir immer wieder ein leichtes Kopfschütteln verursachen. Es geht um die immer wieder auftauchenden Forderungen nach ständiger Erreichbarkeit von Marken in Social Media: 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag ständig strammstehen für den Kunden. Die Frage, die sich hier stellt: Wer hat diesen Anspruch eigentlich formuliert, und fordert das die jeweilige Zielgruppe wirklich ein?
Ist es vielleicht nur das kleine gallische Social Media Berater Dorf, das die eigenen Mediennutzungsgewohnheiten zur Benchmark macht? Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen. Nur weil man als „Always On“-Berater am liebsten von jedem Ort der Welt aus und zu jeder Zeit mittels Foursquare, Facebook und Co. sein Umfeld mit Statusmeldungen bombardiert, heißt das noch lange nicht, dass dieses Verhalten eine vernünftige Benchmark für Social Media Strategien ist. Da wird versucht, ein teilweise völlig überzogenes Mediennutzugsverhalten vieler Berater als normale Umgangsweise der jeweiligen Zielgruppe zu verkaufen.
Dabei empfehle ich, einmal einen Lakmustest mit Non-Onlinern zu machen. Auch wenn man es für kaum möglich hält: Es gibt tatsächlich Menschen, für die Social Media nicht zum Mittelpunkt der eigenen Medienwelt gehört. Ich würde auch an dieser Stelle behaupten, dass der Großteil der in Deutschland lebenden Social Media User die nutzergenerierten Medien als einen weiteren Kanal nutzen, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. Dabei spielt das Social Web aber sicherlich nicht die zentrale Rolle.
Wenn ich nun den Realitätscheck mache und mein Mediennutzungsverhalten mit dem von Freunden und Bekannten vergleiche, die sich beruflich nicht mit Online Kommunikation auseinandersetzen, kommt es zu ganz erstaunlichen Diskrepanzen. Ganz davon abgesehen, dass dieses Umfeld vielleicht hin und wieder mal einen Blick auf Facebook wirft. Aus deren Perspektive erscheint mein eigenes Nutzungsverhalten eher wie das eines Social Media Junkies, der sich dank Social Media Vollzeit immer weiter vom Normalverbraucher entfernt.
Vor diesem Hintergrund wirkt die oft geäußerte Forderung nach einer grundsätzlichen 24/7 Betreuung der betreffenden Social Media Auftritte völlig überzogen und ist eher dem realitätsfernen Verhalten so mancher Berater entsprungen. Daher stelle ich die These auf, dass die Forderung nach Erreichbarkeit rund um die Uhr völlig an den Zielgruppenanforderungen und der Unternehmensrealität vorbeigeht.
Daher finde ich es für die meisten Unternehmen völlig ausreichend, wenn sie im Zuge eines Dialogs jenseits des Krisen- bzw. Issuemanagements zu den gewöhnlichen Geschäftszeiten erreichbar sind und antworten. Sicher gibt es immer Ausnahmen, aber im Normalfall erwartet der Durchschnittsuser von Schokoaufstrichen oder einem Auto keine Antwort mitten in der Nacht.
Ob eine 24 Stunden Betreuung notwendig ist, muss jedes Unternehmen für sich entscheiden. Sicher gibt es Unternehmen, die ihren Kunden schon immer einen 24 Stunden Service angeboten haben. Aber wieso sollten dann Unternehmen, die in der Vergangenheit einen solchen Service nie angeboten haben. Daher sollte diese Unternehmen mit Rücksicht auf die Zielgruppenerwartung diesen Service auch in Social Media anbieten. Schließlich ist eine „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ für die meisten Unternehmen gar nicht leistbar. Social Media genügen nicht nur den Ansprüchen der Zielgruppen, sondern auch den Ansprüchen der jeweiligen Unternehmen. Wie in einer guten Beziehung definieren hier beide Seiten zusammen die Spielregeln – und nicht nur eine Seite. Social Media gehören am Ende allen Beteiligten, und die Regeln werden durch das jeweilige Unternehmen und die Zielgruppe ausgemacht. Grundsätzlich ist eine universale „Always On“-Anforderung an die Unternehmensseite eine Forderung aus dem Social Media Berater Labor, hat aber sehr selten etwas mit der Realität zu tun. Auch wenn die “ Always On“ im Bezug auf den Dialog keine unviverselle Regel im Bereich Corporate Social Media ist, sollte man aber als Unternehmen in jedem Fall immer zuhören um.
Kommentare
12.August.10, 09:25 | erstellt von _jrg
schöne polemik, vielleicht auch ein rant, aber ich möchte mich nicht als rant-spezialist aufspielen. :-)
die forderung nach always-on mag aus deiner sicht vielleicht von der vielzahl der am wochenende permanent social-media-links twitternden beratern stammen. sie hat aber auch einen etwas profunderen hintergrund. in fällen einer krise zum beispiel wird die erreichbarkeit der unternehmenssprecher etc. enorm wichtig, um schnell agieren und handeln zu könnnen.
12.August.10, 09:35 | erstellt von David Nelles
Vielen Dank für deinen Kommentar Jörg,
im Bezug auf das ständige Monitoring der eigenen Auftritte und der Etablierung von Eskalationsroutinen um im Krisenfall asap reagieren zu können bin ich da ganz bei Dir. Mir ging es vielmehr darum zu sagen, das eine 24/7 Moderation auch von neutralen oder positiven User Content in den meisten Fällen weit über das Ziel hinausschießt.
12.August.10, 09:39 | erstellt von sue
hab vor einigen monaten genau zum selben thema einen blogbeitrag geschrieben. http://liechtenecker.at/social-media-dialog-rund-um-die-uhr/
sehe das genau so.
Ich finde nicht, dass ein Unternehmen 24/7 antworten muss. Als User erwarte ich mir das auch nicht von einem Unternehmen. Selbst ich als Person antworte nicht immer sofort auf Fragen, weil ich einfach nicht immer online bin bzw. sein will. Begibt man sich also als Unternehmen in Social Media, dann ja, sollte man darauf achten, dass man für einen Dialog bereit ist. Aber eine Antwort 23 Uhr spät abends ist nicht zwingend notwendig.
wobei das natürlich darauf ankommt wie der auftritt ausgerichtet ist. wenn es ein reiner support channel ist, dann ist 24/7 eher gerechtfertigt.
12.August.10, 09:47 | erstellt von _jrg
dann sind wir alle einer meinung! ;-)
bei telekom_hilft ist das gut gelöst, die sagen klar, dass sie immer von 8-20 uhr da sind. das geht auch!
12.August.10, 09:56 | erstellt von Tweets that mention 24/7 Coprorate Social Media: Berater- oder Marktrealität in Deutschland ? | Visionen | about.virtual-identity.com — Topsy.com
[...] This post was mentioned on Twitter by Klaus Eck, Claudia Becker, Claudia Becker, Stefan63atIBM, vi knallgrau and others. vi knallgrau said: RT @virtualidentity 24/7 Corporate Social Media in Deutschland: Berater- oder Marktrealität http://ht.ly/2ouMi #aboutvirtualidentity [...]
12.August.10, 10:04 | erstellt von kadekmedien
Um was geht es? Um 24/7 Erreichbarkeit im Social Media, die im ersten Absatz noch Kopfschütteln hervorruft, oder um Bedarf an “24 Stunden Betreuung” wie im letzten Absatz gemutmaßt??
24/7 Erreichbarkeit heißt ja nicht, dass da immer jemand anwesend sein muss, sondern dass ein aktuelles und relevantes Informationsangebot jederzeit verfügbar ist. Wenn ich nachts um drei einkaufen will, möchte ich mich vorher über das Wunschprodukt informieren können. – Die Firma, die sich gegen eine solche Erreichbarkeit entscheidet, entscheidet sich gegen einen potentiellen Kunden… Kennen Sie solche Firmen??
Und dann mitten im Text ausgerechnet das Mediennutzungsverhalten von Nonlinern als Zeuge ins Social Media zu laden, ist ein netter Versuch, ruft aber Gähnen hervor. – Was wäre denn die Quintessenz? Raten Sie zu einem Werbespot vor der Tagesschau? *gähne schon wieder*
Schöne Grüße aus Berlin.
12.August.10, 10:21 | erstellt von David Nelles
Danke für Deinen Beitrag.
Nonliner ist vielleicht ein wenig überspitzt, es geht um die restliche Welt welche soich nicht beruflich mit Social Media auseinandersetzt und für die Foursquare, Twitter & Co. schon sehr exotisch sind. Vielleicht sollte man sie besser als Alltagsnutzer klassifizieren.
Erreichbarkeit heißt für mich direkte Antworten auf Fragen von Nutzern, unter Betreuung verstehe ich Monitoring. Das ist den Unterschied den ich hier mache. Die Versorgung mit Informationen rund um Produkte etc, so wie Du es hier beschreibst halte ich für ein Selbstverständnis. Darum ging es aber auch nicht. Es geht mir nur darum das 24 / Dialog mit der Zielgruppe in vielen Fällen an Unternehmensrealitäten und an den Ansprüchen der Alltagsnutzer vorbeigeht.
Beste Grüße aus München
12.August.10, 11:19 | erstellt von Robert
der Nächste, der den Bullshit glaubt, dass Social Media eine Definition habe, die da heißt “labern”. Social Media ist lediglich Euer täglich Verkaufsbrot, mehr nicht.
12.August.10, 11:30 | erstellt von Johannes Lenz
Hallo David,
interessante Gedanken über die Social Media Welt hinaus. Das ist wichtig, weil man, egal was man tut, immer aufpassen muß, daß man sich nicht permanent um sich selbst dreht und sich auf die Schulter schlägt, weil man sich so toll findet.
Was Jörg mit telekom_hilft feststellt, stimmt. Es reicht, sie zeigen sich offen, zeigen von wann bis wann sie am Start sind und haben, viell. der wichtigste Punkt auch entsprechende Manpower dahinter.
Ich teile ebenso die Auffassung, daß man im Falle einer Krise schon versuchen sollte, möglichst schnell auf Repliken, Kritik or whatever zu reagieren. Ein kontinuierliches Monitoring sollte dabei behilflich sein.
Schließlich sollten wir alle hier in der Tat beachten, dass die Digitalisierung voranschreitet, aber die Menschen sie in unterschiedlichem Maße wahrnehmen bzw. für sich nutzen.
Schaue ich mir meinen Freundes- oder Bekanntenkreis an so kann ich Dein Bild bestätigen. Manch einer tut sich schwer Xing entsprechend sinnvoll zu nutzen.
Das heisst für mich im Umkehrschluss: Immer schön auf dem Teppich bleiben und sich und das eigene Tun hinterfragen.
Und auch mal zu sagen: Für Euch ist Social Media nix. Oder eben doch aus diesen und jenen Gründen. Letztlich muß man viel Herzblut reinstecken und amm Ball bleiben. Einfach mal twittern, bloggen oder facebooken reicht nicht.
Auf ein Letztes: Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben, sie teilen mit anderen, ob sie nun social web affin sind oder nicht oder noch werden. Worauf es mir ankommt ist, das es keiner außen vor bleiben muß, weil er es anfgeblich nicht versteht, verstehen will oder kann. Angst oder gar Ignoranz will ich begegenen und neue Wege aufzeigen.
Mit besten Grüßen
Johannes
12.August.10, 11:50 | erstellt von warum mir dieses Social Media Gelaber auf den Sack geht – written in basic
[...] Alles, was dazu beiträgt, überhaupt den Informationsfluss zu strukturieren und zu fördern, trägt erst dann dazu bei, dass ich mir nun auch Gedanken machen kann, wie ich auf die social porn Kuschelliege kann. Oder mir gar nicht erst die Frage stellen muss, ob Social Media Kuscheln 24/7 nötig ist oder nicht. [...]
12.August.10, 11:54 | erstellt von Michael Repnik
Da in einigen Kommentaren zu diesem Blog-Beitrag verschiedene Worte “auf die Goldwaage gelegt werden” – denke grundsätzlich stimmt die Aussage, dass viele Menschen ein völlig anderes Nutzungsverhalten betreffend Social Media haben, als Personen die berufsbedingt damit zu tun haben (logisch). Weiter gedacht bedeutet das auch, dass viele Social Media Themen im Web derzeit enorm “verstärkt” werden, da Social Media Experten natürlich auch mehr kommunizieren und posten als Andere. Wenn man sich bspw. http://www.slideshare.net oder Twitter ansieht, hat man den Eindruck alle reden laufend von/über Social Media. Jede Agentur hat schöne Folien zu Web 2.0… @dpontefract hat dazu treffend gemeint “I hope Twitter & microblogging in general doesn’t turn into groupthink. I suspect many follow folks w/ the same opinion on issues”.
14.August.10, 10:15 | erstellt von Fundstücke vom 14.08.2010 | daniel rehn – digitales & reales
[...] 24/7 Corporate Social Media: Berater- oder Marktrealität in Deutschland? Die Diskussion zur 24/7-Abrufbereitschaft von (Unternehmens-)Kommunikatoren in Social Media wurde in den letzten Tagen bereits recht intensiv geführt. Meiner Meinung nach ist es kein Muss, solange die Kunden entsprechend Bescheid wissen (siehe @telekom_hilft, die klare Servicezeiten angeben). Eine tendenzielle Bereitschaft sollte man – zumindest gedanklich – aber schon mitbringen, wie ich finde. Gerade in Krisenfällen … [...]
17.August.10, 15:51 | erstellt von Lesenswert (10): Social Media rund um die Uhr? – fuellhaas.com – Online Reputation Management, Social Media und Personal Branding
[...] Aber muss es deshalb auch jedes Unternehmen mit seiner Social Media-Kommunikation genau so machen? Diese Frage stellt sich auch David Nelles im Blog von virtual identity: Nur weil man als „Always On“-Berater am liebsten von jedem Ort der Welt aus und zu jeder Zeit mittels Foursquare, Facebook und Co. sein Umfeld mit Statusmeldungen bombardiert, heißt das noch lange nicht, dass dieses Verhalten eine vernünftige Benchmark für Social Media Strategien ist. Da wird versucht, ein teilweise völlig überzogenes Mediennutzugsverhalten vieler Berater als normale Umgangsweise der jeweiligen Zielgruppe zu verkaufen. (Quelle) [...]
26.August.10, 11:46 | erstellt von Social Media rund um die Uhr? | Brannen Usable Brands
[...] Aber muss es deshalb auch jedes Unternehmen mit seiner Social Media-Kommunikation genau so machen? Diese Frage stellt sich auch David Nelles im Blog von virtual identity: Nur weil man als „Always On“-Berater am liebsten von jedem Ort der Welt aus und zu jeder Zeit mittels Foursquare, Facebook und Co. sein Umfeld mit Statusmeldungen bombardiert, heißt das noch lange nicht, dass dieses Verhalten eine vernünftige Benchmark für Social Media Strategien ist. Da wird versucht, ein teilweise völlig überzogenes Mediennutzugsverhalten vieler Berater als normale Umgangsweise der jeweiligen Zielgruppe zu verkaufen. (Quelle) [...]
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