Die Debatten um die Internetplattform WikiLeaks bieten seit einigen Wochen und Monaten interessante Impulse zu der Frage, wie viel Transparenz und Freiheit die öffentliche Meinungsbildung verträgt. Wie soll man das Whistleblowing von WikiLeaks, das jüngst mit dem Afghan War Diary ein umfangreiches Kompendium geheimer Dokumente des US-Militärs unkommentiert veröffentlichte, bewerten? Die Meinungen gehen auseinander. Was die einen als Denunziantentum und als Verrat am politischen Gemeinwesen geißeln, preisen die anderen als Aufdeckung von neuen Wahrheiten und als Ausdruck einer radikalen Demokratisierung der Meinungsbildung.

Die Auseinandersetzung um WikiLeaks führt mitten hinein in einige der klassischen Streitpunkte um Social Media, wie sie nicht nur Staaten, sondern auch kommerzielle Unternehmen beschäftigen. Müssen sich Unternehmen davor fürchten, dass vertrauliche Informationen über Social Media nach außen dringen? Oder macht es sie umso stärker, wenn sie es schaffen, interne und externe Kommunikation zu verbinden und souverän mit der öffentlichen Diskussion umzugehen? Corporate Leaks sind eine Sicherheitslücke und ein potenzielles Risiko. Doch nicht jedes Leck führt zum Untergang.

Unzensierte Berichterstattung im WWW – gut oder böse?
Die Webplattform WikiLeaks publiziert geheime oder zensierte Regierungsdokumente oder Unternehmensberichte, von denen anzunehmen ist, dass sie von öffentlichem Interesse sind. User können dort – unter Wahrung ihrer Anonymität – Dokumente einstellen, deren Authentizität von einem Expertenteam geprüft wird. Die Dokumente werden von diesen Experten nicht redaktionell bearbeitet oder kommentiert, sondern der Öffentlichkeit des Webs frei zur Nutzung überlassen. Befürworter der Plattform werten die Plattform als Quelle für den investigativen Journalismus, als Basis für freie Berichterstattung und demokratische Willensbildung – die auch die Schaffung einer kritischen Gegenöffentlichkeit impliziert. Kritiker dagegen sehen die Informationshoheit von Staaten und Organisationen untergraben, die diese zur Kontrolle ihres Bildes in der Öffentlichkeit brauchen. In der Debatte um die Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Afghanistankrieg wurde darauf hingewiesen, dass geheime Informationen von totalitären Regimes oder Gruppen zur gezielten Schwächung von demokratischen Gemeinwesen eingesetzt werden können.

Unternehmen haben Angst vor Corporate Leaks – zu Recht?
Übertragen auf die Kommunikationsrealität von Unternehmen finden wir vergleichbare Argumente, wenn es um die Frage der Transparenz in der Kommunikation geht. Sollen Unternehmen den freien Umgang mit internen Informationen eher fördern oder unterbinden? Wie sollen sie sich verhalten, wenn – wie etwa im Fall der Deutschen Bahn im Jahr 2009 solche Informationen unerwünscht in die Öffentlichkeit gelangen? Befürworter einer offenen Kommunikation raten zum offensiven und selbstkritischen Umgang mit solchen Fällen und vermuten Chancen auf Reputationsgewinne, wenn Unternehmen sich als menschliche und damit auch fehlerhafte Organismen bekennen. Kritiker dagegen schüren die Angst vor dem Reputationsverlust und kommunikativen Untergang. Auf Seiten der Unternehmen dominieren bis heute Vorbehalte und Ängste, sich der Auseinandersetzung mit einer unkontrollierbaren und oft auch namenlosen Öffentlichkeit im Social Web zu stellen. Und dies nicht ohne Grund – denn die Öffentlichkeit im Social Web funktioniert nicht immer nach den Regeln der kommunikativen Vernunft und des dialogischen Austauschs von Argumenten. Oft genug wurden Fehlverhalten und Informationspannen von Unternehmen geradezu lustvoll inszeniert. Nicht immer wurde der offene Dialog mit Unternehmen gesucht, sondern vor allem die moralische Erhabenheit des richtigen Standpunkts (der Kritiker) zum Ausdruck gebracht. Auch die Gegenmacht hat Spaß daran, ihre Macht zu demonstrieren.

Transparenz allein macht noch keinen Kommunikationsfrühling
Im Für und Wider um Social Media schienen die Fronten lange Zeit klar: Informationstransparenz ist gut, weil sie für Freiheit und Offenheit steht; Informationskontrolle ist schlecht, weil sie das Zurückhalten von Informationen und Manipulationen der Rezipienten impliziert. Die Kommunikationspraxis von Organisationen ist angewandte Informationskontrolle. Daher in ihrem Tun kritisch zu hinterfragen. Aber ist das schon die ganze Geschichte?

Als Input für die Diskussion hier ein paar weitere Betrachtungen:

  • Repräsentanten von Organisationen sind nicht immer souveräne Kommunikationsregenten, sondern auch Getriebene und hilflose Zielscheiben in den Guerillakriegen des Social Web
  • Kritiker sind nicht immer Gutmenschen der Kommunikation, sondern auch Spin Doctors mit hochprofessionellen und innovativen Kommunikationswaffen
  • Geheimes öffentlich zu machen, ist noch kein Standpunkt und keine Kommunikationsleistung; entscheidend ist die Einbettung von Informationen in Deutungskontexte
  • Zur Freiheit der Kommunikation gehört nicht nur Transparenz, sondern auch die Verantwortung, einen eigenen Standpunkt einzunehmen und ihn gegenüber anderen zu vertreten
  • Kommunikative Durchlässigkeit und Fehlerhaftigkeit von Organisationen lassen diese als das sichtbar werden was sie sind: Beziehungsgeflechte von echten Menschen
  • Kommunikative Durchsichtigkeit von Organisationen ist nicht erstrebenswert, da sie nicht zwangsläufig einen dialogischen Mehrwert impliziert
  • Unternehmen müssen taktisch kommunizieren, um nicht nur Getriebene äußerer Kommunikationswellen zu sein
  • Corporate Leaks sind sinnvoll, wenn sie einen kritischen Diskurs entstehen lassen, der die Organisation und ihr Umfeld weiterbringt
  • Corporate Leaks sind schädlich, wenn dieser Diskurs nicht entsteht und Informationen nur ziellos ausströmen
  • Die schwierigste Übung ist das Leak Management: Nicht das Stopfen des Lecks, sondern der Transfer der Kritik in einen konstruktiven Dialog verschiedener Stakeholder
  • Konstruktiven Dialog und echte Kontroversen sucht man im Social Web heute vergeblich – Organisationen und ihre Kritiker bleiben lieber unter sich

Share this