Shitstorms oder besser dunkle Social Media Wolken, die sich über Unternehmen, Marken und Produkten zusammenziehen, stehen metaphorisch für eine unzufriedene Öffentlichkeit im Social Web. Im schlimmsten Fall kann es bei einem Shitstorm zu einer feindlichen Community-Übernahme kommen, wie geschehen bei Nestle, oder auch zur Entstehung einer eigenen Community wie des Blogs Comcastmustdie.
Solche Vorkommnisse sind natürlich auch für den deutschen Markt relevant. Um dieses Thema in der deutschen Onlinewelt besonders hervorzuheben, werden nun auch in Deutschland das eine oder andere Social Media Missgeschick von Unternehmen, wie jüngst Teldafax, regelmäßig durch Klein-Social-Mediahausen getrieben, um anhand dieser Cases bei der nächsten Präsentation als Social Media Experte zu verdeutlichen, was ein Unternehmen so alles falsch machen kann.
So weit so gut, wäre da nicht die Tatsache, dass diese Berater selbst viele deutsche Cases oftmals erst zu solchen machen. Anstatt aus der Beobachtung heraus Schlüsse für die eigenen Projekte zu ziehen, schmeißen sie sich mit ihrer Reichweite direkt in das Shitstorm-Getümmel und produzieren durch ihre Tweets, Statusupdates oder Blogbeiträge erst eine Reichweite und Sichtbarkeit, die im Normalfall wohl nie so zustande gekommen wären.
Wenn man schon beim Thema Reichweite und öffentliche Sichtbarkeit ist, sollte in Deutschland bei den meisten Social Media Unfällen eher von einem Sturm im Wasserglas als von einem ausgewachsenen Sturm die Rede sein. Hat er überhaupt mal den Weg aus dem Social Media Biotop geschafft, dann maximal bis in die üblichen Branchenpornos und deren Leserschaft. Fragt man Menschen mit gewöhnlichem Onlinenutzungsverhalten, werden diese zum großen Teil sicher nichts von den im Social Media entstandenen Ärgernissen um die Bahn, Jako oder Jack Wolfskin mitbekommen haben. Deshalb ist der entstandene Reputationsschaden zu mindestens bei deutschen Cases als eher marginal einzustufen.
Sicherlich kann ich mich nicht davon freisprechen, in der Vergangenheit an mancher Stelle an der Diskussion über den einen oder anderen Shitstorm im Nachhinein auch bewertet zu habe. Ich halte es jedoch für unappetitlich, als Berater mit zu zündeln und dann mit genau diesen Cases herumzureisen oder sie zu besprechen, um sich in der Öffentlichkeit als Experte zu positionieren. Die aktive Beteiligung an Social Media Fauxpas widerspricht meinem Beraterethos. Mein Verständnis von Beratung verlangt, die Vorgänge als Beobachter zu registrieren, ihren Verlauf wahrzunehmen und schließlich eine Bewertung vorzunehmen, um diese Analyse gegebenenfalls in Kundenprojekte einfließen zu lassen. Wer sich als Social Media Lautsprecher aktive mit in den Tumult begibt, verzerrt das Bild und Ergebnis und macht sich als Berater unglaubwürdig.
Kommentare
03.März.11, 08:21 | erstellt von » Die Wall von Teldafax: man bleibt ja unter sich.
[...] In die exakt gleiche Richtung stößt auch David Nelles mit seinem Beitrag von heute morgen. Nur scheint er früher aufzustehen. [...]
03.März.11, 12:43 | erstellt von Jürgen Braatz
Viele Social Media-Experten haben keinen Plan, wie sie sich langfristig als Experten positionieren wollen. Für die kurzfristige Währung Retweet scheuen sie keinen Krawall. Sicher gibt es auch Kunden für Berater, die Beleidigungen bloggen oder öffentlich Neid und Mißgunst zur Schau stellen. Aber sind es die Kunden, die sie haben wollen?
03.März.11, 17:21 | erstellt von Markus Pflugbeil
Klingt auf den ersten Blick richtig, auf den zweiten Blick halte ich die These für schwierig. Ich finde, dass Experten (auch solche, die es sein möchten) durchaus diskutieren dürfen, was in ihrem Umfeld passiert. Und letztendlich ist ja das Getweete, Geretweete und Geblogge nichts anders als ein Diskurs. Oder was antworten Sie, wenn eine Kunde Sie fragt, was halten Sie eigentlich von dem Shitstorm?
Sagen Sie dann, der ist unbeutend, weil eh nur die übliche Meute drüber diskutiert und ich äußere mich nicht dazu, weil ich möchte dem lauen Shitlüftchen nicht noch zu mehr Bedeutung verhelfen. Was passiert denn in Konsequenz? Sagen Sie Ihrem Kunden damit nicht, die Social Media Welt ist überhaupt unbedeutend, weil, was da passiert, ist sowieso nur für Kleingruppen relevant. Das widerspricht doch dem, was wir die ganze Zeit erzählen, nämlich, dass man seine Zielgruppen nirgendwo so genau erreicht wie im Internet.
Ist der Schaden nicht umso höher, weil genau die potentiellen Jack Wolfskin Kunden im Web individuell aufgeschreckt werden und über “ihre Marke” diskutieren oder die Teldafax Kunden “ihre Probleme” loswerden. Dass parallel dazu die Medienexperten diese Entwicklungen beobachten und diskutieren ist doch mehr als selbstverständlich – aber die paar Social Media Berater sind doch nichts im Vergleich zu hunderttausenden von Bahnkunden oder Kitkat Essern.
Ich glaube, wir (ich schließe mich ausdrücklich ein) sehen mit unserer Social Media Kenntnis und Affinität (um nicht zu sagen unseren Scheuklappen), manchmal nur die kleine Welt unserer Gefollowten und Follower um uns herum. Dass aber Betroffene Facebook, Blog, Twitter usw. nur wie einen schnellen Leserbrief zwischendurch nutzen, oder den Like Button klicken, ohne überhaupt zu realisieren, dass die Experte-Gemeinde bereits wieder einen Shithurricane im Anmarsch sieht (oder hofft!?), übersehen wir dabei oft. Ich freue mich als Berater über den offenen und transparenten Austausch mit Experten (und Gleichgesinnten) im Web 2.0! Und abschließend, welche Beispiele nutzen Sie, wenn Sie mit Kunden über Web 2.0 oder gar Krisenkommunikation 2.0 diskutieren – keine? Kann ich mir kaum vorstellen?
03.März.11, 17:25 | erstellt von Enrico
Ohne den Inhalt jetzt bewerten zu wollen finde ich Artikel mit solchen Thesen, jedoch ohne Beispiele, immer etwas merkwürdig. Wer (mit gutem Ruf) pusht denn Fehler anderer hoch um dann damit hausieren zu gehen?
03.März.11, 17:36 | erstellt von David Nelles
Vielen Dank für Deinen Kommentar Enrico. Probier es doch einfach mit Google und trag einfach mal Teldafax und Facebook ein. Du wirst schnell sehen das sich dort weniger die Zielgruppe über diesen kleinen fauxpas erregt, sondern viel mehr ein illustrer Kreis an Social Media Experten. Darüber hinaus kann ich mich auch gut an Jack Wolfskin oder Jako erinnern, wo dann eine schöne Auswahl an Experten das Thema mit RT und Blogbeiträgen mit gezündelt hat und man dann später auf einer der unzähligen Konferenzen die Cases dann vorgetragen wurden.
03.März.11, 17:51 | erstellt von David Nelles
Lieber Markus, vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Irgendwie fühle ich mich Berater eher verpflichtet Events zu beobachten um diese am Ende für mich und meine Kunden zu bewerten ich sehe es weniger als meine Aufgabe mich während des Events mich mit ins Getümmel zu werfen.
Darüber hinaus bin ich eher skeptisch das die Kundschaft der Bahn, Nestle oder Jack Wolfskin aufgeschreckt wurde geschweigen denn nachhaltig ihr Kaufverhalten durch diese Unfälle verändert hat.
Natürlich präsentiere ich auch die einschlägigen Cases und habe den einen oder anderen Shitstorm als Berater auch schon erleben dürfen. Ich finde es wichtig den Kunden nicht zu verschrecken, sondern eine möglichst objektive Einschätzung des Risikos zu geben und wenn ich die für den deutschen Markt abgebe lautet das Motto halt oft – es wird nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird.
03.März.11, 18:07 | erstellt von Enrico
Hallo David,
ich würde nicht jeden der einen Blog betreibt und über Dinge wie Teldafax, Jack Wolfskin und ähnliches schreibt als Social Media Experten hinstellen. Deshalb auch meine Frage nach Beispielen von Leuten die tatsächlich als solche gelten. Ich schreibe auch hin und wieder über solche Verfehlungen (Teldafax gerade nicht, aber Jack Wolfskin zum Beispiel) verstehe mein Blog aber auch eher als eine Art Filter der (online)Marketingwelt. Und da gehören positive wie negative Beispiele dazu. Wobei ich mich nun auch nicht als Social Media Experte outen will :D
03.März.11, 18:18 | erstellt von David Nelles
Hi Enrico,
wer will schon SM Experte sein ;) Für mich spricht gar nichts dagegen das Thema im Nachhinein zu bewerten und einzuordnen und seine Ideen zu Diskussion zu stellen.
Nur sich als Berater während der ganze Sache noch richtig rollt zu engagieren finde ich eben neben der Spur.
04.März.11, 01:54 | erstellt von Glanzlichter 55 « … Kaffee bei mir?
[...] Nelles Shitstorms in Deutschland sind auch beratergenerierte Krisen Bisschen viel Beratersprech, aber nicht [...]
08.März.11, 10:04 | erstellt von Fundstücke vom 08.03.2011 « daniel rehn – digitales & reales
[...] Shitstorms in Deutschland sind auch beratergenerierte Krisen David Nelles mit einem sehr treffenden Artikel über das Aufschaukeln kleiner bis mittlerer Fehltritte von Unternehmen im Social Web durch Berater und Kommunikatoren, die erst durch ihr aktives Mitwirken für noch mehr Aufmerksamkeit sorgen und Probleme in die (Web-)Öffentlichkeit weitertragen, anstatt nur zu beobachten und zur Erweiterung des eigenen Erfahrungsschatzes zu analysieren. [...]
19.März.11, 15:33 | erstellt von Fundstücke vom 19.03.2011 « daniel rehn – digitales & reales
[...] Olaf Kolbrück schreibt das nieder, was mir schon seit einer ganzen Weile durch den Kopf ging und mit David Nelles’ Beitrag über künstlich gepushte Hysterien auf Beraterbasis eine weitere Bestätigung fand. Die Analyse, die Kolbrück dabei über das sensible (und dabei doch [...]
22.März.11, 09:49 | erstellt von Reputation Management (23): Grosser Nachholbedarf bei Kommunikation von Nachhaltigkeit – fuellhaas.com – Online Reputation Management und Social Media-Kommunikation
[...] Lesetipp 1:“Shitstorms in Deutschland sind auch beratergenerierte Krisen“ (about.virtual-identity.com) Text Link: Ganzen Artikel auf about.virtual-identity.com lesen [...]
24.Mai.11, 15:11 | erstellt von Viel gewollt, aber nicht gekonnt!? – Wie die Social Media Kampagne für das Spülmittel Pril scheiterte – Fundraising Tipps – Fundraising Tipps
[...] es schwierig, die Kampagne weiter zu kontrollieren. Offensichtlich fehlte es hier an Erfahrung, der Shitstorm war nicht mehr [...]
31.Mai.11, 15:17 | erstellt von Hans A.
Diese Argumentation verstehe ich nicht. Nutzen nicht gerade S
sie den “Social Media Fauxpas” und positionieren sich darüber als den “besseren” Social-Media Berater? Das ist eine sehr schräge Auffassung…
21.September.11, 14:13 | erstellt von Marco Wagner
Viele Grüße an meinen Vorredner Markus, ich muss ihm hier beipflichten.
@David Es ist doch kurios zu sagen ich lasse mich nicht auf das Niveau herab über vergangen Shitstorms zu diskutieren. Aber dann die größten Fälle zu nennen und damit hier Eigenwerbung zu betreiben. ;-)
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