Die Einführung von Social Media bringt für viele Unternehmen eine entscheidende Frage mit sich: Sollen sie ihr Firmennetzwerk für Social Media Sites öffnen, so dass Mitarbeiter auch vom Arbeitsplatz aus auf diese zugreifen können? In vielen Unternehmen herrscht die Angst, dass mit einem Fallen der Sperre auch die Produktivität abstürzen könnte. So verbannen über die Hälfte der US-Unternehmen Social Media noch immer aus ihren Netzwerken. Als Rechtfertigung werden nicht selten Studien zitiert, die das belegen sollen. Was aber sagen Studien zu diesem Thema wirklich? Und wird hier überhaupt die richtige Frage gestellt?

Nucleus Research. Eine der bekanntesten Studien zum Thema ist diejenige von „Nucleus Research“ mit Sitz in Boston. Von den 237 befragten Arbeitnehmern nützten 61% Facebook am Arbeitsplatz für private Zwecke. Die durchschnittliche Zeit auf Facebook pro Tag lag laut der Studie bei 15 Minuten. Nucleus Research errechnete damit einen Produktivitätsverlust von 1,47%.

Universität Melbourne. Eine Studie der Universität Melbourne kam zu einem anderen Ergebnis. Laut dieser Studie steigt die Produktivität durch „Workplace Internet Leisure Browsing“ (WILB) um 9%. Entspannung zwischendurch verbessere die Konzentration und damit die Produktivität, so die Studienautoren. Zitat der Autoren: „People who do surf the Internet for fun at work – within a reasonable limit of less than 20% of their total time in the office – are more productive by about 9% than those who don’t.“

MyJobGroup.co.uk. Eine weitere Studie, diesmal aus Großbritannien, fragte die eigene Einschätzung von Arbeitnehmern zu ihrer Produktivität ab. Demnach glauben 14% der Arbeitnehmer, dass sie die Nutzung von Social Media in der Arbeit weniger produktiv macht. Zugleich sagen 10% der Befragten aus, dass sie durch Social Media Nutzung produktiver werden.

Network Box & Nielsen’s Quarterly. Schließlich gibt es Studien, die sich direkt auf den Webtraffic von Social Media Sites konzentrieren. Laut einer Network Box Studie sind 6,8% aller Webzugriffe in den USA am Arbeitsplatz auf Facebook zurückzuführen. Nielsen’s Quarterly Three Screen Report schätzt, dass 44% aller Online-Videos in der Arbeit angesehen werden.

Die Frage nach der Aussagekraft
Es wird leicht ersichtlich, dass die verschiedenen existierenden Studien zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommen, beziehungsweise nur begrenzt auf die Kernthematik Produktivitätsverlust eingehen. Insgesamt scheinen die bisher durchgeführten Studien noch sehr unscharf. So kann etwa bei der Nucleus Studie, die rund 1,5% Produktivitätsverlust angibt, von einer Unschärfe ausgegangen werden, die mit höchster Wahrscheinlichkeit über diesen 1,5% liegt.

Vor allem aber stellt sich die Grundfrage, wie Produktivität in diesem Zusammenhang überhaupt gemessen werden kann.
Eine Möglichkeit ist es, die Arbeitszeit die mit Social Media verbracht wird, direkt auf die Produktivität der einzelnen Mitarbeiter umzulegen, wie dies bei der Nucleus Studie getan wurde. Dabei werden allerdings mögliche positive Effekte (z.B. verbesserte interne Kommunikation durch die Verwendung von Social Media Diensten) nicht berücksichtigt.
Eine zweite Möglichkeit ist die Befragung von Mitarbeitern nach ihrer eigenen Einschätzung, wie dies die Autoren der MyJobGroup.co.uk Studie versuchten. Dass diese Vorgehensweise äußerst subjektiv ist, liegt auf der Hand.
Um objektiv messen zu können, müsste beispielsweise der Umsatz vor und nach der Netzfreischaltung von Social Media herangezogen werden. Allerdings können auch hierbei andere Einflussfaktoren auf den Umsatz (Werbekampagnen, allgemeine Wirtschaftslage,…) nicht ausgeschlossen werden.

Die richtige Frage stellen
Schlussendlich muss die Produktivitätsfrage durch eine Kulturfrage ersetzt werden. Denn auch wenn die Gefahr eines Produktivitätsverlustes nicht ausgeschlossen werden kann, ist sie nicht das eigentliche Problem. Wirklich faule Mitarbeiter finden auch andere Wege unproduktiv zu sein. Und mit dem Einzug der Smartphones ist das Thema technisch ohnehin nicht mehr kontrollierbar. Die einzige Lösung ist ein proaktives Herangehen, das zu einer offeneren Unternehmenskultur führt und aus dem Problem eine Chance macht.

Wozu kann also ein offener Zugang zum Social Web am Arbeitsplatz führen?

  • Mitarbeiter sind motivierter. Vertrauen und Freiheit schafft Motivation.
  • Schnellere und bessere interne und externe Kommunikation wird durch Transparenz und Offenheit gefördert.
  • Bessere Informationsbeschaffung. Social Media Sites zu sperren ist so, als ob man Google und E-Mail verbieten würde. Mit einer Öffnung hat die Mitarbeiterschaft die Gelegenheit wichtige Informationen im Social Web zu sammeln, Beziehungen mit Kunden zu pflegen und mit Partnern zu kommunizieren.
  • Mitarbeiter werden zu Multiplikatoren. Das Social Web bringt eine Veränderung der gesamten Unternehmenskommunikation mit sich. Nicht mehr nur einzelne Verantwortliche kommunizieren mit der Öffentlichkeit, sondern jeder Mitarbeiter ist potentieller Multiplikator. Dies positiv zu nützen funktioniert nur durch aktive Einbeziehung der Mitarbeiter und deren freien Zugang zum Internet.

Social Media Governance
Das alles passiert natürlich nicht automatisch. Das große Potential der Mitarbeiterschaft muss durch einen gut durchdachten Social Media Governance Prozess, der Guidelines, Schulung und mehr beinhaltet, freigesetzt werden. Es kommt darauf an, wie Mitarbeiter befähigt, nicht wie sie eingeschränkt werden. Oder, wie es IT-Blogger Andre Yee formuliert: „Productivity is more about the quality of employees than accessibility to data.“

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