Erstaunlicherweise wird in der deutschsprachigen Social Media Echokammer in letzter Zeit wieder sehr häufig über den Social Media Newsroom gesprochen. Nach meinem Verständnis ist die grundsätzliche Idee eines solchen Tools, alle Social Media Initiativen eines Unternehmens auf einer Oberfläche zu aggregieren. So bekommt zum Beispiel der Nutzer einer Corporate Website einen Überblick über den Content des jeweiligen Unternehmens in Social Media.

So weit so gut. Aber wie wichtig ist eine solche Oberfläche für die Corporate Social Media Strategie? Wenn man die Diskussionen verfolgt, könnte man den Eindruck gewinnen, dass eine solche Oberfläche zum Pflichtprogramm einer jeden Corporate Strategie gehören müsste. Ist es denn wirklich so, dass ein solches Tool einen derartigen Stellenwert hat?

Mir stellen sich beim Zuhören der Gespräche rund um dem Social Media Newsroom zwei Fragen:

1. Woher kommen die Ressourcen für die Aggregation?

Die Diskussionen um dieses Tool machen aus meiner Sicht die Rechnung noch ohne den Wirt. Denn die Grundvoraussetzungen im Bereich Social Media werden in vielen Unternehmen erst gerade etabliert. Wenn sich Unternehmen für den Schritt in die externe Diskussion entscheiden, handelt es sich dabei noch oft um einzelne Initiativen. Ein Social Media Newsroom setzt dagegen einen bunten Social Media Strauß voraus. Ein Strauß, welcher oft schon alleine durch fehlende interne Ressourcen von vielen Unternehmen gar nicht gebunden werden kann. Oft reicht schon ein Kanal aus, um die Ressourcenschmerzgrenze vieler deutscher Unternehmen zu erreichen. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass Aggregatoren, wie sie Opel oder Ford exzellent einsetzen, Lichtjahre von der Social Media Realität vieler deutscher Unternehmen entfernt sind.

2. Wo treffe ich die Zielgruppe tatsächlich?

Welchen Mehrwert hat ein solcher Social Media Newsroom eigentlich? So wird zum Beispiel angeführt, dass über einen solchen Newsroom Zielgruppen erschlossen werden, die über Corporate Websites nicht mehr erreichbar sind. Vielleicht habe ich einen entscheidenden Punkt verpasst, aber ist ein Social Media Aggregator nicht ein Teil der Corporate Website? Eine Oberfläche auf der Corporate Website hilft nicht bei der Sicherstellung der Erreichbarkeit der Zielgruppen, sondern stellte den Dialog zu den externen Schnittstellen in Social Media her. Für mich ist ein Social Media Newsroom eher ein virtueller Bauchladen und nicht der Ort des Dialogs mit der Zielgruppe. Der findet in Social Media statt und weniger auf Corporate Websites. In Zukunft geht es eher darum, die Zielgruppen dort abzuholen, wo sie sich gerade aufhalten. Ganz nach dem Motto: dort angeln, wo die Fische sind. Ein Social Media Newsroom hilft da nicht weiter.

Nicht dass man mich hier falsch versteht: Ich will nicht abstreiten, dass sich Pressebereiche auf Corporate Websites den Mediennutzungsgegebenheiten anpassen müssen. Ganz im Gegenteil: Verantwortliche sollten mittelfristig über das klassische Bereitstellen von Filmen, Fotos & Pressemitteilungen in oft geschlossenen Bereichen ihrer Websites hinausdenken. Ob sie dafür nun einen eigenständigen Social Media Newsroom brauchen oder eine schrittweise Erweiterung des Angebots in einem öffentlichen Pressebereich ist Geschmacksache. Ich bevorzuge eben die zweite Variante: eine für das jeweilige Unternehmen strategisch sinnvolle Erweiterung des Contentangebots für die betreffende Zielgruppe.

Ein Social Media Newsroom ist für mich sicherlich kein „Must Have“ einer Corporate Social Media Strategie, sondern eher ein „Nice to have“. Ein „Nice to have“, welches ganz am Ende eines Prozesses steht, der Social Media zum festen Bestandteil der Corporate Communications hat werden lassen.